Kein Abschiedstext für Marcel Reif

So fühlt sich also dieser Sommer 2016 an, von dem im Januar 2016 die Rede war. Marcel Reif hört auf. Es ist soweit. Sein letztes großes Spiel? Champions-League-Finale. Natürlich. Wahrscheinlich wird die Sonne scheinen. Es könnte aber auch regnen. Mal sehen.


Ehrlichweise habe ich keine große Lust, einen stimmungsvollen Abgesang auf Marcel Reif zu schreiben. Weil…das habe ich schon vor fünf Monaten getan, als bekannt wurde, dass er aufhören würde. Weil…dieses Internet in diesen Tagen voll ist mit Texten über Marcel Reif. „TV-Stimme des deutschen Fußballs“, „Legende“, „Er wird fehlen“, „Aber polarisiert hat er ja auch…“

Jaja, jetzt ist er plötzlich wieder interessant. Jetzt, wo er aufhört.

Ich mag diese Verabschiedungskultur nicht. Dieses himmelhochjauchzende „Mensch, was für ein außergewöhnliches Gemälde.“ „Ja, oder? Der Künstler ist aber schon lange tot.“ Wo waren sie vorher, die Befürworter und Unterstützer? Die Fans? Ich weiß es nicht. Wo waren die Fans, als der Künstler das Ding gemalt hat? Reif hat 30 Jahre lang kommentiert. Gut, 1998 hatte er mal eine ziemlich coole Phase. Madrid. Torfall. Jauch. Auszeichnungen. Diesdas. Und dann?

Mache ich es mir zu einfach, wenn ich ein Jahrzehnt komplett überspringe und nur zurückblicke auf die letzten Jahre? Spott. Kritik. Anfeindungen. Wo ist das Haar in der Suppe? Oder ist es gar kein Haar, sondern bloß das Salz? Ist ja auch egal. Hauptsache, da schwimmt was drin in der sonst so gewöhnlichen Einheitsbrühe. Hauptsache, es gibt was zu Motzen. Hm…gar nicht mal so übel, dieses Motzen.

Können wir uns darauf einigen, dass Marcel Reif diese vielen negativen Erlebnisse, die ihm zuletzt widerfahren sind, so nicht verdient hat?

Reif, die alte Bayern…äh…Dortmund-Sau. Ja, was denn nun eigentlich? Kaiserslautern, ihr Pappnasen. Reif, dieser selbstverliebte Typ (sind wir das nicht alle irgendwo?), der auch noch eine ganz bestimmte Sache ganz besonders gut kann (würden wir nicht alle gern irgendetwas ganz besonders gut können?). Neider. Hater. Überall. Shitstorm hier, Fäkalgewitter da. Ich kann nicht mehr. Schaltet dieses Internet aus. Und diese paar hohlen Dummbratzen da im Stadion. Sie sind nicht repräsentativ.

Okay, wow. That escalated quickly. Zurück zum Thema. Warum also kein Abschiedstext für Marcel Reif? Weil ich mir sicher bin, dass es für Marcel Reif weitergehen wird. Wir werden ihn garantiert schon bald wiedersehen. Vielleicht fängt er jetzt an, über ein Jahr lang hart zu trainieren und jeden Tag ein Kilo Büffelfleisch zu essen. „Wrestling? Es ist spannend und man kann viel Geld verdienen.“ Gott bewahre. Kaschperletheater. Dann doch lieber ein Zitat, dass er kürzlich tatsächlich gesagt hat: Was danach wird, wird man sehen. Ich höre mir Dinge an und will nicht ausschließen, dass ich weitermache.“ (welt.de). Warum also einen Abschiedstext schreiben?


Von Cord Sauer
(tut hier so abgebrüht, hat aber die komplette Bundesliga-Rückrunde durchgeheult, wird das CL-Finale aufnehmen und fortan mehrmals pro Woche gucken, d. Red.)

Cord Sauer

„Jeder Tag, an dem Fußball gespielt wird, ist schön.“ (Stefan Effenberg)