Mit „Ich pfeife! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters“ ist Christoph Schröder, im eigentlichen Leben Literaturkritiker u.a. DIE ZEIT, Frankfurter Rundschau, SZ und den Berliner Tagesspiegel, ein Buch gelungen, dass sich kaum kritisieren lässt. Clever. Lesen müsst ihr es aber schon selbst – wir zeigen euch an dieser Stelle mal unsere Lieblingspassagen.


Ich wurde kein Fußballspieler, sondern Torhüter und dann Schiedsrichter. Ich wurde kein Schriftsteller, sondern Kritiker. Adorno hätte dafür wahrscheinlich eine Formulierung gefunden wie: immer ganz knapp am Eigentlichen vorbei.

Viel interessanter als die Frage, warum man Schiedsrichter geworden ist, ist die, warum man es auch geblieben ist. Dass es Menschen gibt, die freiwillig einen Problemberuf ergreifen, ist bekannt. Ich habe einmal ein Portrait über einen Mann geschrieben, der den ganzen Tag in Kläranlagen tauchte, wenn sie verstopft waren.

Überhaupt gehen die Meinungen zwischen Vereinen und Schiedsrichtern in Bezug darauf, was ein ordentlich bespielbarer Platz ist, nicht selten weit auseinander. Einmal hatte es Anfang März noch einmal von Samstag auf Sonntagnacht geschneit. Mein Spiel am Sonntag sollte (…) trotzdem stattfinden. Ich fuhr also zum Spielort und fand einen komplett zugeschneiten, nicht geräumten Sportplatz vor. Einige der Linien hatte man eher notdürftig mit einem Schneeschieber freizukratzen versucht; in einem der beiden Strafräume hatten Kinder am Morgen einen Schneemann gebaut. Der stand noch herum, während die ersten Spieler schon aus den Kabinen kamen, um sich warmzumachen. Hier würde ich nicht anpfeifen, sagte ich. Warum das denn nicht, fragte der Vertreter des Heimvereins, der Schneemann komme ja noch weg.

In der Kreisliga dagegen steht in einer Schiedsrichterkabine gerne einmal die Waschmaschine. Irgendwo muss sie ja hin.

Und dann die Gedanken: Habe ich jetzt etwas falsch gemacht? Was habe ich falsch gemacht? Hatte ich wirklich ein so schwieriges Spiel, oder habe ich es mir schwer gemacht? Und benimmt sich dieser Vollidiot, der die Wurzel allen Übels war (…), jede Woche so? Falls ja, dann dürfte er eigentlich gar nicht mehr mitspielen, weil ihn ja in diesem Fall jeder meiner Kollegen Woche für Woche vom Platz stellen würde.

„Du“, ruft er laut und merkt, dass ich direkt hinter ihm stehe. „Arsch“, so endet er leise, nur für mich hörbar, aber das genügt ja auch. Und der Arsch zieht die Arschkarte, die rote, und der Mann muss vom Platz, das Volk tobt. Und ich? Ich verstecke mich in der Kabine. Warte, bis draußen keiner mehr ist, und verkrümele mich dann unauffällig in Richtung Auto.

(…) in regelmäßigen Abständen (…) eine Tendenz dazu, zwischenmenschliche Konflikte auf eine (…) autoritäre Art lösen zu wollen. (…) Von meiner Frau bekomme ich dann den Satz zu hören: „Du bist hier nicht auf dem Fußballplatz.“ Dann muss ich lachen und sage: „Du hast recht.“ Und denke: „Ja, leider.“

Und für den Amateurfußball gilt ganz grundsätzlich: Alles, was die da oben vormachen, kommt ganz schnell unten an, alles. Was ich am Samstag in der Sportschau sehe, kann ich mir fast immer am Sonntag auf dem Dorfsportplatz anschauen, und man kann sicher sein: Kicken nkönnen sie in der Kreisliga schlechter als in der Bundesliga. Das Drumherum haben sie aber perfektioniert. Und in den seltensten Fällen gefällt es mir.

Also ich würde die mutige These aufstellen, dass es in der Kreisliga keine bestochenen Schiedsrichter gibt. Wenn wir Unsinn zusammenpfeifen, dann darum, weil wir es nicht besser können.


„Ich pfeife! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters“, Christoph Schröder, 16,95 Euro.
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