Als Deutschland letztmals gegen Spanien siegt, heißt der Teamchef Rudi statt Jogi, die Spielstätte Stadion statt Arena, und der Mann des Tages trägt Glatze statt Undercut. Nur eines hat sich nicht geändert: Ohne Beteiligung des FC Bayern läuft schon mal gar nichts.

„Unglaublich, wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus“, belarethyt der begeisterte ZDF-Kommentator, weil er gar nicht glauben kann, was er gerade in Verbalhülsen verpackt hat. Das ist zwar meistens so, aber hierbei geht‘s verflixt nochmal ums Prinzip. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft führt nämlich mit 4:0 gegen Spanien! Schnappatmung auf dem Reporterplatz – und die Fans im Niedersachsenstadion zu Hannover schwenken ihre Fähnchen. Manche von ihnen, die Kleinen, sind in Bayern-Trikots erschienen. Wahrscheinlich, weil allzu viel Chauvinismus nicht en vogue ist in jenen Tagen.

Rumpel-Ribbeck war gerade 57 Tage Geschichte, das blamable Scheitern bei der EURO verschlungen, aber nicht verdaut. Der stolze DFB vegetierte auf Schuttbergen. Dann: Sommer 2000, ein Paradigmenwechsel. Es war, wenn man so will, die Geburtsstunde von Rio, und Chef-Hebamme war Ruuuuuuuuudi. Rudi Völler, der neue Teamchef. Grau gelockt, Schnurrbärtchen, ein Sympathikus. Als er am 16. August seinen Einstand gibt, schauen alle nur auf ihn.

Endstation Untergeschoss war bereits erreicht im Sommer 2000
Bühne des Trubels ist das alte Oval in Hannover, was ganz gut passt, weil sich das Länderspiel inmitten der Expo datiert, die von Juni bis Oktober in derselben Stadt stattfindet. 18 Millionen strömen auf‘s Messgelände, 35.000 Kuttenträger zu Rudi. „Wir stehen am Fuße einer Treppe, die hoffentlich wieder nach oben führt“, hatte der bärbeißige Torsteher Oliver Kahn vorher gesagt und dabei nicht bedacht, dass sie kaum weiter abwärts führen konnte – Endstation Untergeschoss war bereits erreicht.

Kahn darf Kapitän sein an diesem lauen Abend, Rehmer, Nowotny, Heinrich, Deisler, Ballack, Ramelow, Bode, Scholl, Jancker und Zickler komplettieren die Elf. Später dürfen Beinlich, Neuville, Linke, Rink und Hamann mithelfen, einen Vorsprung zu verwalten, der für Schweißausbrüche von Mikrofonfetischisten gesorgt hat. Spanien ist mit Mendieta aufgekreuzt, mit dem 23-jährigen Raul und einem Endzwanziger namens Josep Guardiola, der erstaunlich behäbig wirkt.

Südländischer Drehpass: Jancker, Zickler, Tor
Carsten Jancker, haarlose Sturminstanz im deutschen Angriffstorso, leitet die Renaissance einer Großmacht ein. Nach 24 Minuten provoziert er einen Freistoß, den Mehmet Scholl kühn in den Winkel zirkelt. Auf der Tribüne erhalten die Bayern-Trikots die Absolution. Nach 51 Minuten stibitzt Jancker dem ungelenken Campo den Ball, bedient wieder Scholl, und wieder jubeln Bayern- und DFB-Anhänger in brüderlicher Traute. Sechs Minuten später spielt Jancker einen südländischen Drehpass auf Zickler, der sein erstes Nationalmannschaftstor erzielt. Weitere fünf Minuten darauf schickt Scholl erneut Zickler, der sein letztes Nationalmannschaftstor erzielt. In Hannover sind sämtliche Bayern-Fans rehabilitiert.

Dass Spanien, bei der EM unglücklich an Frankreich gescheitert, nur acht Akteure der Holland-Belgien-Belegschaft aufbietet, dass deren Saison erst in einem Monat beginnen würde, dass Jancker nie mehr solch eine Vertikalvirtuosität zelebrieren würde – das alles ist eigentlich ziemlich schnuppe. Auch Rauls wiewohl fabelhafter Ehrentreffer ändert nichts am Gute-Laune-Rudi in einer Sommernacht, die nicht nur das ZDF glucksen lässt.

Bis Rio sind es noch 14 Jahre.


 

Von Johannes Mittermeier
(Foto: imago)