Einfach nur peinlich, Jens Lehmann

Sauer wieder! Mit einem großen Gefühl des Unwohlseins und ja – auch ein bisschen mit Fremdscham – hat sich unser Autor Cord Sauer das Länderspiel Norwegen vs. Deutschland auf RTL reingezogen. Und das lag diesmal nicht an übertrieben vielen Werbepausen, an Formel1-Florian oder an Mario Götze, sondern einzig und allein an: Jens Lehmann.


Längst haben wir Fans uns an diesen erbarmungslosen Profifussball-Mechanismus gewöhnt, dass ehemalige Spieler, die auch nur einigermaßen zwei Sätze in Folge geradeaus sprechen können, direkt nach ihrem Karriereende als TV-Experten verpflichtet werden. Das gelingt mal gut bis sehr gut – Olli Kahn und Mehmet Scholl dürfen sich angesprochen fühlen – in anderen Fällen aber passt es leider überhaupt nicht. Jens Lehmann hat das gestern Abend ein weiteres Mal eindrucksvoll bewiesen.

Der frühere Torwart hat sich innerhalb nur eines Jahres zum notorischen Nationalelf-Nörgler (um im RTL-Sprech zu bleiben, lieben Gruß an Inka Bause) entwickelt. Lehmann wäre gern ein „Anecker“, aber er versucht das dort, wo es keine Ecken gibt.

Die Mannschaft ist unter Löw so erfolgreich wie nie zuvor. Spricht aber Lehmann, könnte man denken, die DFB-Elf stehe unmittelbar am Abgrund. Wie kann man bloß derart pessimistisch sein? Klar, als Experte musst du den Finger in die Wunde legen. Kritik finden, wo andere Lob erwarten. Aber was Lehmann da teilweise vom Stapel lässt, entbehrt wirklich jeglicher Grundlage. Ein paar Beispiele.

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Hat Lehmann eigentlich einen Berater? Und wenn ja, was macht sein Berater dann hauptberuflich?

Es ist ja ganz offensichtlich, dass Lehmann sich als gestandener Experte in der deutschen Sportberichterstattung etablieren will. Das geht natürlich nur über eine klare Meinung, über Profil und Charakterstärke. Nichts dagegen. Aber warum zum Teufel sagt ihm niemand, dass er einfach oft über das Ziel hinaus schießt? Schlimmer noch: Warum nur habe ich das Gefühl, dass ihm jemand genau diese populistischen Meinungen ins Gewissen redet? Das Ganze wirkt einfach zu konstruiert, zu ferngesteuert.

Erinnerungen kommen hoch an Zeiten, als Jens Lehmann so lange Oliver Kahn sein wollte. Die Nummer 1. Zeiten, in denen er einfach keine Chance hatte gegen den Titan. Wir schreiben 2016 und es fühlt sich schon wieder so an.

Nur dass Jogi Löw Jens Lehmann diesmal nicht einfach auf die stille Treppe setzen kann, sondern sich das überflüssige Zeug auch noch anhören muss. Eine RTL-Nachberichterstattung mit König, Lehmann und Löw ist mitunter peinlicher als zwei Wochen Promi Big Brother. Was ist das nur für ein Konstrukt – der Bundestrainer muss sich von einem seiner ehemaligen Spieler anhören, was er richtig und falsch macht?

Wie kann man sich nur so hart gönnen, RTL?

Löw jedenfalls hat offensichtlich wenig Bock, sich von Lehmann belehren zu lassen. Das zeigt er auch. Und das ist sein gutes Recht. Zu oft geht sein Blick zu Boden, wenn Lehmann spricht. Zu oft sucht er nur den Augenkontakt zu Moderator König und lässt Lehmann links liegen.

Ich hatte gestern Abend einen furchtbaren Gedanken: Wie schön wäre es doch, wenn die aus den Fugen geratene TV-Experten-Welt wieder ein Stückchen Normalität zurück bekäme? Mario Basler würde sicher auch einen hervorragenden RTL-Experten abgeben. Dafür dann Jens Lehmann ins Promi-Big-Bro… allein dieser irre Vergleich zeigt doch, wie nah sich diese eigentlich völlig entfernten Sphären mittlerweile geworden sind. Irgendwie ist alles denkbar. Alles ist möglich. Vielleicht ist genau das unser größtes Problem heutzutage. Also neben Jens Lehmann an sich.


Von Cord Sauer
(bekommt nichts, während ein Olympia-Sieger 20.000 Euro, ein Dschungelcamp-Teilnehmer 100.000 Euro und ein Jens Lehmann…ach…lassen wir das, Anm. d. Red.)

Cord Sauer

"Jeder Tag, an dem Fußball gespielt wird, ist schön." (Stefan Effenberg)

2 Reaktionen

  1. Niklas sagt:

    Puh. Danke für diesen Artikel. Ich dachte schon, es hätte an mir gelegen, dass sich binnen weniger Minuten eine ordentliche Portion Abneigung gegen Jens Lehmann in mir entwickelte…

    • EM sagt:

      Ging mir auch so. Bester Lehmann-Moment war, als er Neuer den Ball übers Tor zurückwerfen sollte, kläglich versagte, und der Neuer ihn einfach nur anguckte.