Wenn alle aufstehen, obwohl eigentlich jeder alles sieht…

Poppe wieder! Nach seinen eindrucksvollen Plädoyers für den Fussball von früher und Anstoßzeiten um 15:30 Uhr haut unser Autor Thomas Poppe nun wieder einen raus! Diesmal gehts um das einzigartige Momentum im Fussball. Vergesst Tabellen, Statistiken und Pokale – sondern genießt jene besonderen Augenblicke, die nur der Fussball hervorbringen kann!


Die Saison ist vorbei und es wird wieder fleißig Bilanz gezogen. In Fachmagazinen, TV-Talks und natürlich im Netz. Da wird ein Fussballjahr an Zahlen bewertet. Tabellenplätze als Messlatte für gute Zeiten oder schlechte Zeiten. Das kann man alles gerne so tun. Aber ich sage: „Hört auf damit!“ Messt eine Saison niemals an Zahlen, Rekorden, Tabellen – Fussball ist so geil, weil er Momente erschafft, die man im Vorfeld zwar erhoffen, aber niemals sicher erzwingen kann. Er ist die Braut, die auch mal „Nein“ sagt und der Lottoschein mit den sechs Richtigen. Fussball ist mehr als die Summe von 34 Spieltagen.

Deswegen: Scheißt auf die Runde – was zählt, ist die Sekunde!

Am 19. Mai 2012 stand ich beim Public Viewing im Olympiastadion in München und weinte. Nicht nach dem Elfmeterschießen. Nicht nach dem Ausgleich von Drogba. Es war die Anspannung bis zum 1:0 von Thomas Müller, die mich dazu brachte. Sie war so groß, dass die Emotionen nach dem Tor aus mir herausplatzten. Das passierte in den Jahren seit meiner Volljährigkeit eigentlich nur noch bei der Geburt meiner Kinder. Der Titel, um den es ging, spielte natürlich eine Rolle. Aber für den Moment war er egal. Es ging einfach nur um Befreiung, Erleichterung und Freude. Es ging nur um diese eine Sekunde, in der der Ball im Tor war und sich alles entlud. Was danach passierte, war hart, bitter, traurig – die andere Seite der Momentum-Palette. Doch wenn ich heute „Finale Dahoam“ höre, denke ich immer zuerst an diesen einen geilen Moment. Fussball ist mehr als die Summe von Punkten und Titel. Es ist die Summe von bedeutenden Momenten der Freude, Momenten der Enttäuschungen, die ihn ausmacht.

Es sind die Momente, wenn der Spieler deines Teams allein aufs Tor läuft. Diese wenigen Sekunden, wenn du das Gefühl hast, dass das was werden könnte, ja… was werden muss. Wenn alle aufstehen, obwohl eigentlich jeder alles sieht. Wenn du unbewusst die Luft anhältst, weil du weißt, dass gleich etwas Wichtiges passiert.

Als würde man ein Mädchen nach einem Date fragen und sie überlegt kurz, bevor sie antwortet.

Es sind die Momente, wenn deine Mannschaft den Sieg so sehr verdient hätte, aber der Ball einfach nicht rein will. Und dann, als du gedanklich schon überlegst, wie du trotz des Spiels noch Laune für die Party am Abend finden sollst, fällt diese verdammte Bude doch noch. Als würde einem in der Matheprüfung kurz vor Abgabe diese eine Lösung noch einfallen, die dir die Versetzung rettet.

Es sind die Momente, wenn der Schiedsrichter etwas zu Ungunsten deines Teams pfeift und du mit dem ganzen Stadion tobst.

Warum? Egal! Es war gegen uns, es muss ein Fehler sein! 50.000 Stimmen können nicht irren!

Es sind die Momente, wenn der Gegner das Tor macht und du es nicht wahrhaben willst. Und dann diese wenigen Sekunden Hoffnung. Steht schon was in der Ergebnis-Anzeige am Bildschirm? Zeigt der Schiri zum Mittelkreis? Abseits vielleicht? Das kurzen Hoffen auf das kleine Wunder und die Erleichterung. Als wäre dir ein Glas aus der Hand gefallen und du siehst, wie es fällt und hoffst, dass es nicht zerbricht.

23 02 2016 Fussball Championsleague 2015 2016 Achtelfinale Juventus Turin FC Bayern München in

Es sind die Momente, wenn dein Team den klaren Favoriten in die Verzweiflung mauert und mit 10% Ballbesitz diesen einen Konter bekommt und das 1:0-Siegtor erzielt. Als würde dir eine schöne Frau lächelnd zuwinken, du winkst zurück, drehst dich sicherheitshalber um und dieses eine Mal steht wirklich kein anderer Typ lächelnd und winkend hinter dir und ist eigentlich gemeint.

Es sind die beiden Ecken von Manchester United im Finale 1999. Es ist dieser eine Angriff von Italien 2006.

Es ist Elfer von Drogba am 19. Mai 2012 und es sind zwei Elfer von Arjen Robben aus dem selben Jahr. Es ist ein Spitzenkick vom brasilianischen Ronaldo 2002, ein Hackenschuss von Grafite, ein Konter von Griezmann, eine Volleyschuss von Balotelli, ein Kopfball von Barbarez, ein Dreierpack von Lewandowski gegen die Bayern.

Es ist eben aber auch Marcel Reif, der „Kahn, die Bayern!“ brüllt und Arjen Robben, der den Ball an Weidenfeller vorbei streichelt. Es ist Bierhoff, dessen Gurkenschuss ins Tor kullert. Götze in Rio. Die ungläubigen Gesichter nach dem dritten, vierten und fünften Tor gegen Brasilien. Es ist das Turbo-Tor von Makaay gegen Real Madrid und der Fünferpack von Lewandowski gegen Wolfsburg. Es ist – ohne jegliche Fanbindung – Okocha gegen halb Karlsruhe, Edgar Schmitt gegen Valencia, Maradona gegen England, Fjortoft gegen Kaiserslautern, Ricken gegen Juve. Es ist ein Liste, die jeglichen Rahmen sprengt.

Fussball ist so toll, weil er diese Momente ständig entstehen lässt und sie jeder anders empfindet. Mein Patrick Andersson 2001 ist der Albtraum eines jeden Schalke-Fans. Akzeptiert die hässlichen, die unfairen, die bitteren Momente. Sie machen die schönen erst zu denen, die sie sind.

Scheißt drauf, wenn Bayern schon wieder das Double gewinnt, wenn die Spanier weiter Europa dominieren und dein Verein das Saisonziel verkackt. Hört auf, eine Saison nach nackten Zahlen zu beurteilen.

Eine geile Saison ist die Summe vieler geiler Momente. Diese Momente interessieren sich nicht für Ligen, Pokale und was vorher war. Sie passieren.

Mein perfekter Moment war Alexander Zicklers 2:1 in der 89. Minute am 33. Spieltag 2001. Damals, als man mit weniger als 70 Punkten noch Meister wurde, bebte das Olympiastadion für unfassbar lange Zeit. Und als der Jubel verebbte, kam die Botschaft vom 1:0 der Stuttgarter gegen Schalke und das Glasdach vibrierte erneut. Wegen Patrick Andersson und dem Drama eine Woche später denkt daran kaum noch jemand. Ich saß im Stadion, hatte perfekte Sicht und Glücks-Pipi in den Augen, wie ich sie wegen Fussball erst wieder 11 Jahre später haben sollte. Es war ein perfekter Moment. Mein perfekter Moment! Was sind eure?


Von Thomas Poppe
(darf der FUMS-Crew beim nächsten gemeinsamen Lagerfeuer mal erzählen, welchen Konter von Griezmann er denn meint. Und dann ’ne Runde schmeißen…)

FUMS

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3 Reaktionen

  1. Tangki Fiber sagt:

    spielen mit Sportlichkeit und verteidigen Sie Ihr Team mit Sportlichkeit als auch. Grüße von jungen Unternehmern

  2. Verena sagt:

    Wenn du dein Team jubeln siehst und immer wieder merkst, dass dein Verein für dich einfach der beste der Welt ist, egal auf welchem Tabellenplatz er steht oder wieviele Titel er gewinnt.