Wir haben uns mit Rolf Harald Fuhrmann (64), vielen besser bekannt als Rollo Fuhrmann, verabredet. Mit zwei Minuten Verspätung betreten wir das Café, da klingelt unser Telefon. Rollo Fuhrmann ist dran: „Sag mal, lasst ihr eure Interviewpartner immer so lange warten?“ Da sitzt er. Tiefenentspannt. Vor ihm auf dem Tisch: Sonnenbrille, Smartphone, Milchkaffee, Packung Zigaretten. Während des 53-minütigen Gesprächs raucht er drei davon. Der „Kultreporter“ von Pay-TV-Sender Sky erzählt, was ihm der WM-Titel bedeutet, wen er für Deutschlands Beste hält und warum er fast (!) wunschlos glücklich ist.

EIN INTERVIEW VON CORD SAUER

Teil 1: WM-Fieber, Twitter und Markus Lanz

Rollo Fuhrmann, wie wäre es, mal ein Interview zu führen, in dem es nicht um…
Schalke geht…(Anm. d. Red. Rolf Fuhrmann machte den FC Schalke 04 im Jahr 2001 zum 4-Minuten-Meister, ehe Bayern München im Parallelspiel in letzter Minute noch ein entscheidendes Tor erzielte und den Knappen damit den sicher geglaubten Titel aus den Händen riss)

…genau, um Schalke, aber auch um junge hübsche Sportmoderatorinnen, glattgebügelten Einheitsbrei von Profifussballern und Wohngemeinschaften mit 60+?
Ich rede über alles.

Dann lass uns über die WM reden. Auf einer Skala von 1-10: Wie sehr hat dich das WM-Fieber 2014 gepackt?
Ich würde sagen…ne 9. Die WM war super spannend, interessant und außergewöhnlich. Das lag auch an den vielen überraschenden Ergebnissen. Ich hab mich völlig vertippt. Aber es war schon geil. Einziger Wehrmutstropfen über längere Zeit waren die Schiedsrichter.

Was für eine Tipprunde war das?
Mit Freunden aus Ostfriesland. 2006 habe ich da mal gewonnen. Jetzt bin ich glaube ich…Drittletzter. Aber: noch nie war es so schön, sich zu vertippen.

Wie hast du die deutschen Spiele verfolgt?
Ganz unterschiedlich. Die ersten zehn Tage war ich in der Türkei und habe da für den Robinson Club moderiert. Dann war ich für 11FREUNDE unterwegs in Berlin beim Public Viewing und dann zwei Spiele in Hamburg. Beim Halbfinale wollte ich eigentlich auch in Hamburg sein beim Public Viewing aber durch das große Gewitter fiel das ins Wasser. Das 7:1 war das einzige Spiel, das ich alleine zuhause gesehen habe.

Wie wars?
Ja, es war grandios. Ich habe getwittert ohne Ende. Ich konnte gar nicht so schnell twittern wie die Tore fielen. Es war auch mal toll, ein Spiel so zu sehen und so mitzuerleben.

Ich kann mir ein Leben ohne Twitter nicht mehr vorstellen.

Auf Twitter bist du ohnehin sehr aktiv…
Seit zehn Monaten bin ich dabei und habe da jetzt fast 11.000 Follower. #hallohallo ist mein Markenzeichen und ja, das macht richtig Spaß. Ich kann mir ein Leben ohne Twitter nicht mehr vorstellen. Weiß gar nicht mehr, wie das vor Twitter war.

Wo wir gerade beim Thema sind: du twitterst vorwiegend über Sportereignisse, gern aber auch mal über TV-Formate wie Markus Lanz, Maybrit Illner und Co. – also Talkshows, in denen doch ganz offensichtlich meist dieselben Gäste aus einer Kiste gegraben werden, die wenig Interessantes zu berichten haben, aber aus Spaß an der Freude und für die Quote über der Deutschen liebsten Sport reden…
Ich mach mich ja meistens ein bisschen lustig über das Ganze. Mich interessiert sehr, was die Menschen so von sich geben. Ich guck ja auch Frühstücksfernsehen. Manchmal. Und das ist sozusagen Programmbeobachtung. Ich stelle immer wieder fest, wie viel Unkenntnis eigentlich dabei ist. Neulich im Morgenmagazin kam doch glatt die Behauptung, dass man in Brasilien spanisch spricht. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Aber ich amüsier mich dann immer. Was ich auch immer mit Freude sehe und genieße…wenn man in so einen Rausch der Emotionen verfällt. Da geht es bei den Leuten nur noch um die Höhe des Sieges gegen Argentinien im Finale. Und Argentinien besteht ja nur aus Messi und Messi ist schlecht. So. Das ist zum Teil schon überheblich und arrogant.

Ich brauch nur ein Zimmer für mich und keine drei Bäder und sechs Schlafzimmer.

Bevor wir zurück zum Fussball kommen, lass uns noch kurz bei Lanz bleiben. Du warst dort selbst zu Gast im April 2013. Das Magazin 11FREUNDE schrieb damals, dass die Witze der weiteren Talkgäste Oliver Pocher, Andrea Kaiser sowie Markus Lanz rund um deine allgemein bekannte Wohnsituation (Anm. d. Red. Wohngemeinschaft mit zwei jüngeren Frauen in Hamburg, Freundin in Bremen) das einzig Unterhaltsame am Abend waren. Zurück blieb aber eine Frage und hier möchten wir 11FREUNDE zitieren: „Gerne hätte man erfahren, warum Rollo Fuhrmann denn nun wirklich in seiner Hamburger WG wohnt, statt sich in Bremen häuslich einzurichten. Aber das war zumindest gestern nicht mehr in Erfahrung zu bringen.“ Magst du dieses letzte große Geheimnis heute und hier lüften?
Das ist eine lange Geschichte. Der Unterschied, ob in einer Beziehung oder einer WG zu wohnen, ist für mich eher egal. Es geht mehr darum, ob alleine wohnen oder mit mehreren. Ich hab ja auch mit der Mutter meiner Tochter 14 Jahre zusammengewohnt, sieben Jahre mit meiner Tochter. Das war auch eine Art WG. Und davor und danach – warum soll ich alleine wohnen? Ich brauch nur ein Zimmer für mich und keine drei Bäder und sechs Schlafzimmer. Ich liebe das. Man bekommt und behält soziale Kompetenz, steckt immer irgendwo auch in konstruktiven Auseinandersetzungen…also ich find das gut. Wenn man alleine wohnt zu lange, dann versinglet (engl. ausgesprochen) man.

Merkst du, dass deine Mitmenschen vielleicht sagen: Mensch, der Fuhrmann mit seinem komischen Lebensstil…?
Für mich ist das ganz normal. Aber natürlich ist es schon was Besonderes, weil ich ja weiß, wie die Gesellschaft tickt. Ich habe aber frühzeitig einen Lebensweg eingeschlagen, bei dem Wohngemeinschaften was Selbstverständliches waren sowie auch die Tatsache, dass ich lebe, ohne über Leichen zu gehen. Glücklich sein einfach. Ich habe einen Traumjob, meine Tochter ist gesund, meine Freundin auch. Alles ist gut. Ich bin fast wunschlos glücklich.

An dieser Stelle müssen wir nachfragen, warum nur fast?
Fast, weil ich vielleicht ab und zu mal ne neue Hose bräuchte.

Teil 2: Patriotismus, Nationalismus und Deutschlands Beste

Die Bundesliga ist in der Sommerpause. Und wir dachten eigentlich, die sky-Reporter sind es auch. Nun hören wir von dir: Robinson Club, 11Freunde-Public Viewing…
Bei sky Sport News HD war ich auch zweimal… aber insgesamt hält sich das schon noch in Grenzen. Ich bin ja nun auch nicht so prominent. Also ich war weder Weltmeister noch Europameister noch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Aber…mir ist das auch egal. Ich fahr jetzt bald eine Woche surfen in Dänemark, danach fahre ich mit meiner Freundin zwei Wochen zum Gardasee, alles gut.

Schön, dass wir dich noch am Diktiergerät haben, bevor du in deinen wohlverdienten Urlaub startest. Apropos wohlverdient – Deutschland ist Weltmeister. Was bedeutet der Titel eigentlich für Rollo Fuhrmann?
Dass wir Weltmeister sind. Das ist schön. Das freut mich. Vor allem für das Team. Deutschland hat endlich das Spielen wieder erlernt. Ich war eine Zeit lang ganz schön sauer, nach 1982. Durch diese Blamage gegen Österreich, als die Algerien rausgekickt haben. Erst 2006 ist das mit dem Sommermärchen so ein bisschen besser geworden für mich. Und jetzt muss ich sagen, jetzt spielen die richtig gut. Auch nicht in allen Spielen – aber dann wieder so ein 7:1, das war natürlich grandios. Lass uns feiern, lass uns Spass haben. Aber das ist es dann auch. Jetzt geht der Alltag wieder los.

Genau darauf wollten wir hinaus. Was ändert sich für dich – jetzt, wo Deutschland Weltmeister ist? Eigentlich gar nichts, oder? Wenn du künftig Weltmeister vor deinem Mikrofon hast, ist es doch genau wie vorher…
Ja, das spielt vielleicht am Anfang noch eine kleine Rolle, aber dann dominiert natürlich schnell wieder der Bundesliga-Alltag.

Wie erklärst du dir, dass die Menschen so euphorisch sind, obwohl sie letztendlich davon nicht so viel haben außer ein paar schönen Stunden auf der Fanmeile?
Die WM 2006 hat da schon neue Maßstäbe gesetzt mit dem Wir-Gefühl, das da ausgelöst wurde. Viele verwechseln aber Nationalismus mit Patriotismus. Nach Heinrich Heine ist Patriotismus völlig okay. Dass man zu der Kultur eine Beziehung hat und dazu steht, wo man her kommt. Das ist für mich Patriotismus und insofern bin ich auch Patriot aber ich bin kein Nationalist. Ich bin Europäer letztendlich. Die Euphorie der Menschen ist verständlich, weil alle mal aus sich raus können und jubeln können. Weil…wir hatten im letzten Jahrhundert nicht so viel zum Jubeln. Ganz im Gegenteil. Wir haben immer noch die Last der Geschichte zu tragen.

Du hast mal gesagt: „Es macht mehr Spaß, Verlierer zu interviewen, weil da mehr bei rauskommt.“
Ne, Spaß nicht. Es ist interessanter. Weil die haben ja was zu erzählen. Was waren die Fehler, was haben wir falsch gemacht? Sieger haben ja immer alles richtig gemacht.

Die meisten Interviews sind nicht sehr unterhaltsam

Mertesackers „Eistonne“-Interview muss für dich – aber auch für uns alle – ein ganz besonderes Highlight der WM gewesen sein…
Also erstmal war das sehr unterhaltsam. Das ist schon mal ein Pluspunkt. Die meisten Interviews sind nicht gerade sehr unterhaltsam. Zweitens hat Boris Büchler völlig korrekt gefragt. In ruhiger, netter Weise. Hat auch erst gratuliert. Und Mertesacker hat das gesagt, was er wahrscheinlich jedem gesagt hätte, weil er genau wusste, dass man nicht gut gespielt hat. Aber er wollte es vielleicht auch selber irgendwo nicht wahrhaben oder mal den Frust über die Journalisten raus lassen. Das war aber auch okay. Also es wurde ja dadurch gut, dass sich beide Seiten da angemessen verhalten haben. Solange da niemand beleidigt wurde…

Leidest du mit, wenn Kollege Büchler live in eine solch brenzlige Lage kommt?
Nö, leiden nicht. Ich hab ihm sofort eine SMS geschrieben. Er hat sich auch bedankt. Via E-Mail. Ich hab geschrieben: „Tolles Interview. Alles okay.“

Was hast du denn vor wenigen Wochen dem Kollegen Jochen „Das Ding ist durch“ Breyer geschrieben?
Dem habe ich gar nicht geschrieben, weil ich gar nicht seine Adresse habe. Aber Jochen Breyer ist ein starker Kollege. Sehr jung, sehr gut. Aber es zeigt mir wieder, dass man immer auf der Hut sein muss und es vermeiden sollte, schlaue Sprüche loszulassen. Sonst kriegt man einen vor den Latz. Nichtsdestotrotz finde ich ihn klasse. Wer große Siege will, muss auch große Niederlagen einstecken. Das lernt man dann mit der Zeit.Ich denke und hoffe, dass er sich das hinter die Ohren schreibt. Ich habe ihn schon persönlich getroffen und ihm auch gesagt, dass ich ihn gut finde. Er ist auch gut.

Hast du eigentlich Lieblingskommentatoren? Abgesehen davon, dass du sicher alle sky-Kollegen ganz gut findest?
Ich finde sicherlich nicht alle toll, aber witzigerweise…wenn Fussball ist, bin ich kein Fan sondern dann arbeite ich. Ich gucke, wie das Spiel läuft. Ich bin ja St. Pauli-Fan und drücke der deutschen Nationalmannschaft die Daumen. Und eigentlich will ich nur guten Fussball sehen. Weil sonst kann ich die Ergebnisse auch im Videotext nachgucken. Klar, mir fällt das auch auf, wenn Kommentatoren Namen falsch aussprechen oder sie verwechseln. Das ist aber alles nicht so schlimm. Was das angeht, bin ich lange nicht so kritisch wie die meisten Fans. Weil 90 Minuten lang zu kommentieren – eigentlich kannst du da nicht gewinnen.

Und sicher müssen auch alle Kommentatoren, Moderatoren, Fieldreporter irgendwas können, sonst würden sie nicht da stehen. Als Spielerfrau ist das was anderes. Da musst du gut aussehen. Meistens

Jetzt hast du dich gut um die Antwort gut herumgemogelt, was deine Lieblingskommentatoren angeht…
Ich hab auch keinen Favoriten. Das hängt von Spiel zu Spiel ab. Ich weiß gar nicht…hab ich Lieblinge? Lieblinge hab ich generell in der Medienbranche. Es gibt…sagen wir mal…Große. Harald Schmidt ist für mich immer noch ein Großer, weil ich Fan von Comedy bin. Oder Dieter Hildebrandt. In solchen Metiers sind sie die ganz Großen. Und sicher müssen auch alle Kommentatoren, Moderatoren, Fieldreporter irgendwas können, sonst würden sie nicht da stehen. Als Spielerfrau ist das was anderes. Da musst du gut aussehen. Meistens (lacht).

Der Mann, der sonst die Profifussballer befragt und interessante Antworten herauskitzeln soll, gibt sich nun selbst ganz diplomatisch und medienprofessionell….
Ne, das stimmt nicht. Ich beziehe ja klar Position. Aber warum soll ich sagen, dass einer der beste Kommentator ist? Ich wüsste es nicht. Ich kann aber sagen: wenn es um die besten Deutschen geht – dass das, was das ZDF da gemacht hat, für mich sowieso nicht relevant ist. Für mich sind die besten Deutschen diejenigen, die ehrenamtlich tätig sind und für wenig Geld oder ganz umsonst die ganze Arbeit machen. Und wenn wir das ganz generell mal an paar Personen festmachen wollen, dann Einstein, Heine, Goethe und Schiller und was weiß ich, wer alles noch. Alle Erfinder und so. Aber nicht irgendwelche Gestalten von Daily Soaps.

In der vergangenen Saison hast du neben anderen Kollegen das Sky-Format Samstag LIVE moderiert. Jetzt wurde bekannt: die Samstagabendshow wird es künftig nicht mehr geben. Deine Reaktion darauf?
Ich finde, es war eine super Sendung und ich finde es schade, dass es nun vorbei ist. Aber es ist so, wie immer und überall im Leben: da entscheiden Leute etwas und dann brauchst du nicht mehr zu diskutieren.

Kannst du die Gründe nachvollziehen? Es hieß, die Zuschauer sind nach acht Stunden Fussball satt und verfolgen Abends andere Interessen…
Sicher gibt es Gründe. Die Uhrzeit war problematisch, die Länge war problematisch, die Quote war problematisch. Und meine Chefs haben somit viele Gründe, das so zu entscheiden. Ganz unabhängig davon, dass ich das anders entschieden hätte. Aber der Trainer bestimmt, was gemacht wird. Und nicht der Spieler.

Bitte vervollständigen!

Der Bundesliga-Transfer des Sommers bisher ist…eigentlich schon gelaufen. Und zwar die Einkaufspolitik von Borussia Mönchengladbach. Weil da ist nämlich alles schon fertig.

Das Wechsel-Theater um Hakan Calhanoglu war…eine Katastrophe.

Das Überraschungsteam der kommenden Saison wird…oha! (überlegt). Was ist ein Überraschungsteam…ich würde sagen Gladbach. Aber das ist ja nun schon keine Überraschung mehr. Keine Ahnung, ist schwer. Ich sage: Gladbach.

Die sechs Wochen bis zum Bundesligastart verbringe ich…mit Urlaub. Die nächsten Wochen habe ich keine Verpflichtungen.

Auch mal schön. Wir von FUMS suchen noch einen Kolumnisten. Also falls du Lust hast…
Ich soll immer Jobs machen, die nicht bezahlt werden…

Surfen ist für mich…
meine Lieblingssportart. Also Windsurfen.

Mein aktueller Lieblingssong ist…Sky and Sand.

FUMS, das Magazin für Fussball und Humor, ist…ein aufstrebendes Start-Up-Unternehmen.

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 (Fotos: Dennis Gloth & Imago)

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Rollo Fuhrmann im Gespräch mit FUMS-Redakteur Cord Sauer.

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Rolf Harald Fuhrmann bei der Arbeit – für Pay-TV-Sender Sky.

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Rollo Fuhrmann im FUMS-Interview.