Im Interview: Terrence Boyd

Er stand im erweiterten Kader der amerikanischen Nationalmannschaft. Die WM in Brasilien – für ihn zum Greifen nah. Dann entschied sich US-Coach Jürgen Klinsmann gegen ihn. Für Terrence Boyd (23), Stürmer bei Rapid Wien, geht das Leben trotzdem weiter. Und die Profikarriere sowieso. Ein Gespräch über Nicht-Nominierungen, Twitter-Skandale, David Beckham und Conchita Wurst.

EIN INTERVIEW VON CORD SAUER

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Terrence Boyd, was macht die Urlaubsplanung? Die WM verfolgst du ja leider nur vor dem Fernseher, nachdem Klinsmann dich aus dem US-Nationalkader für Brasilien gestrichen hat….
Ich war jetzt ein paar Tage in Berlin bei Freunden, fahre nun nach Bremen, um meine Familie zu besuchen. Bald geht es dann mit ein paar Kumpels nach Spanien. Wohin genau, wissen wir noch nicht.

Wie sehr schmerzt das, zunächst im 30er-Kader der US-Nationalmannschaft zu sein und dann doch auf den letzten Drücker die WM zu verpassen?
Das tut schon sehr weh. Ich war so dicht dran, das ist dann ganz bitter. Nichtsdestotrotz drücke ich den Jungs natürlich die Daumen und hoffe, dass sie weiterkommen. Ich hatte ein gutes Gefühl, habe gut trainiert. Aber ich muss jetzt weiter an mir arbeiten und dafür sorgen, dass in Zukunft kein Weg mehr an mir vorbei führt.

Wie hat Klinsmann dir die Nachricht überbracht und was war seine Begründung?
Nach einer Trainingseinheit hat er einmal mehrere Einzelgespräche geführt und kam dann auch zu mir. Letztendlich war es ganz einfach. Er muss halt den Kader reduzieren, hat gesagt, dass es ihm Leid tut. Ich akzeptiere das und hoffe, dass ich nächstes Mal wieder dabei bin. Ich denke, die Chancen dafür stehen nicht ganz so schlecht.

Die Nicht-Nominierung hat ja auch „prominentere“ Spieler getroffen. US-Legende Landon Donovan hat´s auch nicht in den Kader geschafft. Was ist da eigentlich mit dem Klinsmann-Sohn los, der sich via Twitter über Donovan lustig gemacht hat?
Ja, das ist einfach ein Fauxpas, der passiert. Der ist natürlich noch jung, ich twitter auch manchmal Blödsinn. Aber jetzt hat er sich ja entschuldigt. Abgehakt. Für Donovan selbst ist das nicht leicht. Klinsmann hat sich da einfach entschieden, auf Jüngere zu setzen. Jetzt ist eben Julian Green vom FC Bayern München dabei. Aber Donovan ist immer noch wichtig für das Team. Er war auch gut drauf zuletzt. Ein Trainer muss halt auch mal harte Entscheidungen treffen.

Wie aktiv bist du auf Twitter?

Schon sehr aktiv. Ist ein bisschen schade, weil das in Europa, in Deutschland, Österreich nur wenige Leute nutzen. In Amerika bekommst du da alles sofort und direkt mit. Alle News. Es ist einfach eine gute und schnelle Möglichkeit, mit Freunden zu interagieren. Ich selbst habe noch nicht so viele Follower (15,9 Tsd., Anm. d. Red.), versuche aber, aktiv zu sein. Ich bekomme dort alles mit. Nachrichten von Freunden, Anfragen und Mitteilungen von Fans.

Auf folgende Frage hätten wir gern eine ehrliche Antwort – ohne Fussballerfloskeln. Wie stehen die Chancen für die USA bei der Weltmeisterschaft – ohne Donovan und Boyd? Hat Klinsmann da nicht einen großen Fehler gemacht?
Boyd (lacht): Ach, die Gruppe werden sie auf jeden Fall überleben. Was danach passiert, das kann man nicht wissen. Viertelfinale, vielleicht sogar Halbfinale. Auf jeden Fall werden wir für eine Überraschung sorgen.

Souverän geantwortet. Damit hast du die Kernfrage gekonnt ausgelassen.
Na, wenn man mal ehrlich ist, dann ist da schon eine gute Truppe zusammen. Ich wäre eh kein Stammspieler gewesen, sondern hätte vielleicht ab Mitte der zweiten Halbzeit meine Tore gemacht.

Wir sind die wilde Bande und haben einen coolen Ruf weg

Was halten die Amerikaner von Spielern wie dir, Jermaine Jones, Timmy Chandler oder Julian Greene, die gerne als „Germaricans“ bezeichnet werden? Gibt es da besondere Vorurteile oder zugeschriebene Charaktereigenschaften?
Die Amerikaner schätzen uns sehr, auf jeden Fall. Wir sind so die wilde Bande und haben einen coolen Ruf weg. Die Nationalmannschaft ist aber sowieso ein melting pot, wir haben Mexikaner, Isländer, Afrikaner, Deutsche…wir sind einfach eine große Gruppe. Die Amerikaner bestehen aus vielen verschiedenen Nationen. Und wenn wir drüben sind, genießen wir es einfach und sorgen für Humor und gute Stimmung.

Wer wird eigentlich Weltmeister?
Puh, schwere Frage. Ich sag mal….Deutschland oder Brasilien. Und Belgien wird auf jeden Fall das Überraschungsteam.

Deutschland ist ein gutes Stichwort. Warum hat diese goldene Generation um Lahm, Özil, Schweinsteiger und Co. eigentlich noch immer keinen Titel gewonnen?
Das weiß ich auch nicht. In großen Spielen haben sie vielleicht zuletzt…naja, nicht unbedingt Angst gehabt, aber auf jeden Fall hat man sowas dann im Kopf. Man muss auch sagen, dass Spanien zuletzt mit all den Barca-Spielern einfach bärenstark war. Und jetzt ist Deutschland auch einfach nicht mehr so dominant wie vor ein paar Jahren. Ich sehe das aktuell so als Übergangsphase. Miro Klose und die ganzen Kaliber – für diese Spieler ist das wohl auch das letzte große Turnier.

Blicken wir auf den Vereinsfussball. Seit zwei Jahren spielst du erfolgreich für Rapid Wien, hast dich dort etabliert. 2015 läuft dein Vertrag aus – da gibt es doch momentan bestimmt lauter Anfragen anderer Klubs, oder?
Ja, Anfragen gibt es schon. Aber ich möchte mich da erst äußern, wenn es wirklich was zu vermelden gibt.

Das klingt fast nach vorzeitigem Abschied…
Ich kann mir genauso gut vorstellen, in Wien zu bleiben. In Wien habe ich bei einem tollen Klub viel gelernt.

Bei Fussballern spricht man gerne von dem berühmten „nächsten Schritt“, wie sieht der für dich aus?
Ich möchte schon irgendwann in der Bundesliga spielen. Oder in England.

Als Bremer ist Werder natürlich mein Wunschklub

Werder Bremen, der Klub aus deiner Heimatstadt, sucht gerade Verstärkung im Sturm…
Als Bremer ist Werder natürlich mein Wunschklub. Hätte ich zuletzt ein paar Tore mehr gemacht, könnte ich direkt hier im Norden bleiben (lacht).

Falls es nicht direkt mit der Bundesliga klappt, wäre vielleicht Miami Beckham United eine Alternative? David Beckham motzt doch gerade die Major Soccer League (MLS), die amerikanische Liga, auf…
Ja und die Amerikaner finden das großartig. Das entwickelt sich so rapide, das ist der Wahnsinn. Die Voraussetzungen sind auf jeden Fall vorhanden da. Auch wenn die Liga selbst noch nicht so weit ist. Es fehlt einfach an Popularität. Die ganzen Highschool-Athleten müssen sich eben auch mal für Fussball entscheiden und nicht immer nur für Baseball und Basketball. Mit Orlando und New York sind ja auch zwei weitere Städte um einen MLS-Klub bemüht. Aber wie gesagt, noch fehlen die guten Spieler in den USA. Stars kommen nur, wenn Geld da ist. Und wenn Geld da ist, sind die Stars meistens über 30 Jahre alt.

Reden wir nochmal kurz über Rapid Wien. Zuletzt war dein Torjubel in aller Munde – du hast deinen Arm vor die Augen gelegt und die Zunge rausgestreckt. Deshalb hier nochmal die Frage, die du zuletzt vermutlich schon hundertmal beantworten musstest: Hatte der Jubel was zu bedeuten? Wie kam es dazu?
Also ich war bei meinem Tätowierer und wollte ein Krokodilhautmuster am Unterarm haben. Er hat dann zu mir gesagt, dass ein Krokodilsauge gut dazu aussehen würde. Jetzt ist es genauso gekommen und mit meinem Jubel habe ich dann quasi meine zwei Augen verdeckt und das eine Krokodilsauge gezeigt. Wie ein Zyklop, ein Einäugiger. Das wird vermutlich bis zum Ende meiner Karriere mein Markenzeichen sein. Und den Tätowierer freut`s auch (lacht).

Du kommst aus Bremen. Wie hast du die Werder-Saison verfolgt?
Ich schaue mir jeden Spieltag die Ergebnisse von allen Bundesligisten an. Auch bei Werder würde ich sagen, kann man immer noch von Übergangsphase sprechen. Dutt braucht Zeit, um was aufzubauen. Es ist gut, dass er die Zeit kriegt. Die Fans sind geduldig. Wichtig war, dass sie nichts mit dem Abstieg zu tun hatten. Spieler und Mannschaft müssen sich einfach entwickeln.

Der Nordrivale HSV ist hingegen nur knapp dem Abstieg entkommen…
Als Norddeutscher ist es einfach nur traurig, was da passiert. Ich bin froh, dass der HSV drin geblieben ist. Die Stärke der Liga ist sowieso schon ungerecht auf den Süden und Westen des Landes verteilt. Der Osten ist tot kann man sagen, da gibt es nur noch Aue und Leipzig. Und im Norden sind auch nur noch Wolfsburg, Hannover, Werder und der HSV. Beim HSV hat man nun eine Menge Arbeit vor sich und auch Werder muss kämpfen.

Du hast auch schon für den Westen der Republik gespielt, von 2011 bis 2012 für die zweite Mannschaft des BVB. Damals warst du nah dran am Profikader. Hast du noch Kontakt zu den Jungs? Auf Facebook bist du mit Shinji Kagawa befreundet…
Ja, Facebook ist da so das Kommunikationsmedium für uns, aber das eigentlich auch eher weniger. Wir hatten in Dortmund alle eine tolle Zeit. Der Kontakt ist zu den meisten aber nicht mehr so intensiv. Letztens habe ich mit Neven Subotic geschrieben. Er hat mir Stockholm als Reiseziel empfohlen, weil er selbst vor kurzem da war.

Sagt dir „Rise like a Phoenix“ etwas?
Irgendwie schon (überlegt kurz), Phoenix aus der Asche? Die Redewendung? Oder worauf willst du hinaus?

Ich wollte eigentlich auf Conchita Wurst hinaus. Die müsstest du als alter Österreicher doch sicher kennen…
Ach so, ja klar. Das ist nur überhaupt nicht mein Musikgeschmack. Und ich muss auch sagen, dass ich sowas wie DSDS oder Grand Prix überhaupt nicht gucke. Mich nervt das eher. Ja, Conchita Wurst sieht ja ganz exotisch aus. Sie war auf fast jedem Magazin-Cover in Österreich…oder er (lacht).

Wenn du schon wahre Highlights wie DSDS oder den Eurovision Songcontest verschmähst – wer oder was unterhält dich sonst gut? Gibt es irgendwelche Lieblingskomiker oder TV-Formate?
Katt Williams auf jeden Fall. Oder Kevin Hart. Und Otto Waalkes und Mr. Bean. Wer die nicht mag, hat für mich keinen Humor.

Bitte vervollständigen!

Amerikanischer Fussball ist…stark im Kommen.

Deutscher Fussball ist…der beste.

Die drei aktuell besten Fussballspieler sind… Cristiano Ronaldo, Falcao, Suárez. Ich komm dann irgendwo bei Platz xy.

Mein bislang bester Stürmerpartner war…Clint Dempsey.

Das Stürmertrio Terrence Boyd, Adrian Ramos und Ciro Immobile wäre…zerstörerisch.

Cristiano Ronaldos Torjubel im CL-Finale… dafür gibt es nur ein Wort: Maschine. Lass ihn posen, er hat`s drauf. Der kann alles machen.

Wenn Jürgen Klopp an der Seitenlinie ausrastet, dann…feier ich das.

Das FUMS-Magazin ist…echt cool.
Mehr nicht? Boyd lacht. „Wieso, cool ist doch super.“

Zwei „Germaricans“: Jermaine Jones (l.) und Terrence Boyd

Früher beim BVB II (2011-2012)

Zyklopen-Jubel im Rapid-Wien-Dress (2014)

 

(Fotos: Privat/Diener/Borussia Dortmund/ISIphotos)

 

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